{"id":272,"date":"2011-05-24T13:55:43","date_gmt":"2011-05-24T13:55:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/?p=272"},"modified":"2011-05-24T13:55:43","modified_gmt":"2011-05-24T13:55:43","slug":"die-welt-steht-kopf%e2%80%a6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/?p=272","title":{"rendered":"Die Welt steht Kopf\u2026"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_276\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/welcome.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-276\" src=\"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/welcome-1024x682.jpg\" alt=\"\" title=\"welcome\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"size-large wp-image-276\" srcset=\"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/welcome-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/welcome-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-276\" class=\"wp-caption-text\">Ein herzlicher Empfang...<\/p><\/div>\n<p>Was f\u00fcr eine Woche! Mit Kopfsprung ins kalte Wasser, und das mir\u2026wo ich doch so gerne Hilfe an meiner Seite wei\u00df\u2026aber Marc ist ja da!<\/p>\n<p>Da wollte ich eigentlich am Montag nur \u00fcber Carls erfahrene Schulter schauen, sehen, wie er die Aufnahme f\u00fchrt, wie er die g\u00e4ngigen Krankheitsbilder behandelt, und pl\u00f6tzlich steht da Alfonso und bietet sich als \u00dcbersetzer im Nebenzimmer an\u2026es w\u00e4ren so viele Patienten da\u2026<br \/>\nUnd schon war ich \u201eDr. Katrin, die \u00c4rztin in Aufnahmezimmer 4\u201c. Und es ging nicht (wie versprochen) mit Husten und Schnupfen los, nein\u2026das erste Kind war 3 Monate alt, ziemlich beeintr\u00e4chtigt, l\u00e4uft inzwischen l\u00e4ngst unter der Verdachtsdiagnose einer RSV-Bronchiolitis, hatte bis Samstag(5 Tage) Sauerstoffbedarf, inzwischen sieht er wieder fit aus. Eigentlich ein Standardfall, wie zu Hause, aber so ohne Monitor\u00fcberwachung und ohne Infusion\u2026man musste schon mal ein wenig denken&#8230; Der zweite Patient hatte eine Bindehautentz\u00fcndung, Fieber seit 3 Tagen, Abgeschlagenheit, und dann habe ich da so einen Hauch eines Ausschlags seitlich an den Wangen gesehen\u2026war komplett geimpft, nur Masern waren irgendwie unter den Tisch gefallen\u2026ja, das hat sich jetzt er\u00fcbrigt\u2026und wir haben nach langer Zeit mal wieder lehrbuchreife Koplik-Flecken gesehen. Da gab es dann eine gro\u00dfe Portion Vitamin A und ab nach Hause. Bis hierher waren ein paar Minuten rum, und es ging erst richtig los\u2026Endlich auch die versprochenen banalen Luftwegsinfekte, Lymphknotenschwellungen (hier haben wir an unsere liebe Ober\u00e4rztin zu Hause gedacht, ja Katja, wenn es abszediert, ist es au\u00dfen  rot und warm\u2026). Da ist unser \u201eSir Raymond\u201c, der Pfleger im \u201eEmergency-Room\u201c Gold wert. V\u00f6llig selbstst\u00e4ndig \u00fcbernimmt er die kleine und mittelgro\u00dfe Chirurgie, spaltet Abszesse, versorgt Biss- (die allgegenw\u00e4rtigen Hunde), und Brandwunden. Und notfalls entfernt er noch Fremdk\u00f6rper aus verschiedenen K\u00f6rper\u00f6ffnungen\u2026 Z.B. den Stein, den ein M\u00e4dchen sich im Alter von 2 Jahren ins Ohr gesteckt hat\u2026inzwischen war sie 5, alle waren sicher, nur Ohrenschmalz zu sehen, nein, nach Einweichen und Sp\u00fclen kam tats\u00e4chlich ein Stein zum Vorschein!<br \/>\nIm Mai-Dienstplan tauchen wir dankbarerweise noch nicht auf, dennoch gab es einen ersten n\u00e4chtlichen Notruf. Mittwochnacht um 3 Uhr klopfte es vorsichtig an unsere Schlafzimmert\u00fcr, es sei gerade ein Fr\u00fchchen geboren, auf dem Weg von zu Hause auf einem Billiardtisch am Strassenrand (!), weil die Wehen zu stark wurden, Carl sei schon im Kreissaal, ob wir dazukommen w\u00fcrden. Da war ein 1500g-Winzling, eiskalt (das Thermometer konnte nicht messen), aber daf\u00fcr recht fidel. Also ab in den Brutkasten, mit einer deutlich \u00fcberdimensionierten M\u00fctze, einer Riesenwindel und einem Body, in den er vielleicht in 3 Monaten passt\u2026 Wir waren doch etwas \u00fcberrascht, als bei Tageslicht ein gesch\u00e4tztes Schwangerschaftsalter von 36 Wochenherauskam. Die Kinder sind hier einfach etwas kleiner, als zu Hause, \u00fcber 3000g sind nur die \u201eMoppelchen\u201c! In diesem Fall war es aber nat\u00fcrlich trotzdem ein zu geringes Wachstum in der Schwangerschaft\u2026und jetzt istWachsen angesagt!<\/p>\n<p>So hielt die Woche uns in Atem, ein 33-j\u00e4hriger Mann im akuten Nierenversagen, eigentlich nur ein Zufallsbefund bei Gonorrhoe\u2026 so ein Krea von 6 mg\/dl sieht man bei uns nicht jeden Tag, aber ein sonographischer Blick auf die Nieren zeigte neben unz\u00e4hligen Zysten eigentlich nichts\u2026jedenfalls kein Nierengewebe.<br \/>\nEine Frau mit dickem Bauch\u2026wurde reflexartig zur Gyn\u00e4kologin geschickt, die sah nur Wasser im Bauch, jetzt wird die Tuberkulose behandelt\u2026<br \/>\nIm Gegensatz hierzu die junge Frau mit den Bauchschmerzen\u2026hatte ihre\u2026ich wei\u00df nicht wievielte Nierenbeckenentz\u00fcndung, beim sonographischen Blick fiel nebenbei aber noch ein kleines Gummib\u00e4rchen in der Geb\u00e4rmutter auf\u2026herzlichen Gl\u00fcckwunsch!<br \/>\nWeniger fr\u00f6hlich macht die Geschichte der 29-j\u00e4hrigen Frau mit Zahnfleischbluten\u2026das Blutbild war sehr einfach als Leuk\u00e4mie zu beurteilen (f\u00fcr Kollegen: 55tsd Leukos, 96% Lymphozyten, 80tsd Thrombos, Hb 5,2, inzwischen Hb 3,7 nach weiterer Blutung), und eine Therapie ist hier aus finanziellen und organisatorischen Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich\u2026<br \/>\nZiemlich traurig wird man auch, wenn man die unterern\u00e4hrten Kinder sieht\u2026 Mit spindeld\u00fcrren \u00c4rmchen und Beinchen (wenn der Umfang des Oberarmes (6 Monate bis 5 Jahre) unter 115mm liegt, werden sie als unterern\u00e4hrt behandelt, ich habe am Freitag ein Kind mit einem Armumfang von 82mm gesehen\u2026probiert es mal zu Hause mit einem Ma\u00dfband aus\u2026), oder mit z.T. massiven Wassereinlagerungen, aufgequollen, mit furchtbaren Hauterscheinungen, Ausschlag, z.T. aufgerissen\u2026 Hier ist es aber sch\u00f6n, zu sehen, wie gut inzwischen die Ern\u00e4hrungsprogramme funktionieren, wie schnell aus kleinen jammernden H\u00e4ufchen wieder Flirtwunder werden (wir haben da einen interfamili\u00e4ren Wettstreit laufen, wer bringt welches Kind das erste Mal zum Lachen\u2026). Noch sch\u00f6ner w\u00e4re es, wenn die Therapie zu Hause konsequent weitergef\u00fchrt w\u00fcrde\u2026 Die Eltern sollen sich w\u00f6chentlich die kalorienreiche Nahrung f\u00fcr ihr Kind abholen, k\u00f6nnen sich aber z.T. die Fahrtkosten (meist ca. 1-2Euro, Tagesverdienst eines Arbeiters) nicht leisten.<br \/>\nSo sind wir schon mittendrin im Trubel. Dienstzeit 8-18 Uhr, dazwischen Pause von 12-13.30 Uhr (alle lassen Schlag 12 den Stift fallen: \u201eLunchtime!\u201c), z.T. sind noch Ruhephasen dazwischen, je nach Ambulanzauslastung, aber da schreibt man Entlassbriefe (ja, auch hier!), schaut mal nach den station\u00e4ren Kindern, und, und, und.<br \/>\nUnd dann mu\u00df noch regelm\u00e4ssig nach dem Wasserstand geschaut werden. Es regnet hier relativ viel\u2026t\u00e4glich seit wir hier sind. Und mit jedem Regen (immer sturzbachartig!) schwillt der Wasserpegel im Bach hinter unserem \u201eDoctors House\u201c rapide und z.T. bedenklich an. Die Markierungen an der K\u00fcchenzeile erinnern an die Hochwasser der letzten zwei Jahre\u2026 etwa auf Knieh\u00f6he. Also h\u00e4ngen inzwischen alle M\u00f6bel auf H\u00fcfth\u00f6he (Kleiderschr\u00e4nke, B\u00fccherregale), wir lassen m\u00f6glichst nichts auf dem Boden liegen, wer wei\u00df, sonst wacht man morgens auf und die Flip-Flops schwimmen an einem vorbei\u2026 Die hiesige Fauna ist auch nicht zu mi\u00dfachten, so sitzen unz\u00e4hlige Fr\u00f6sche\/Kr\u00f6ten rund um unser Hause und balzen, was das Zeug h\u00e4lt, die ganze Nacht. Nachts postieren sich die dicksten Exemplare direkt vor unserer T\u00fcr, weil dort im Licht leckere M\u00fccken rumschwirren. Und da die Kr\u00f6te an sich nicht sehr clever ist, springen sie dann st\u00e4ndig gegen die T\u00fcr (gibt immer nen ordentlichen Knall) oder, wenn wir uns n\u00e4hern, bevorzugt mitten in den einzigen Kaktus weit und breit. Auf den umgebenden Wiesen grasen Pferde und Wasserb\u00fcffel in freundlichem Miteinander. Und die Insekten sind \u00fcberhaupt der Knaller. Die treten niemals in Misch-Schw\u00e4rmen auf, sondern fein sortiert, nach Tagen! Einen Abend gab es kleine gefl\u00fcgelte Ameisen im ganzen Haus, dann war alles voller Ahorn-Samen-\u00e4hnlicher Falter, und vorgestern kamen pl\u00f6tzlich tausende kleiner schwarzer K\u00e4fer, etwa von Marienk\u00e4fer-Dimension unter der Haust\u00fcr durch. Spinnen? Bisher nur eine relativ gro\u00dfe, wurde von Marc tapfer mit dem Besen vor die T\u00fcr gekehrt. Und allgegenw\u00e4rtig die Mini-Ameisen. Wir haben tagelang nicht verstanden, warum pl\u00f6tzlich eine Ameisenstrasse quer durch unser Zimmer f\u00fchrte, bis wir auf der Suche nach Papieren in die Handtasche sahen. Und da fanden wir die Rolle \u201eNimm2\u201c. War noch fast voll, es fehlten nur zwei Bonbons\u2026und jetzt voller Ameisen, gl\u00fccklich im Schlaraffenland.<br \/>\nAlso, unser Tag ist voller Herausforderungen, beruflich und privat. Aber die Mitarbeiter sind freundlich, eifrig und geduldig, wenn unser englisches Fachvokabular einmal hakt. Die philippinischen \u00c4rzte sind wissbegierig, noch recht frisch im Job, aber auch sehr bem\u00fcht. Und trotz wachsender Selbstzweifel sind wir weiter motiviert, unser Bestes zu geben\u2026mal sehen, ob das reicht. Hier werden oft die erfahreneren \u00c4rzte der Organisation eingesetzt, und wir merken, dass wir als \u201eGreenhorns\u201c doch recht naiv sind. Wenn die gewohnten Medikamente fehlen, pl\u00f6tzlich v\u00f6llig andere t\u00e4glich zum Einsatz kommen (f\u00fcr Kollegen: Chloramphenicol wird fast t\u00e4glich verordnet, Ciprofloxacin f\u00fcr Kinder zumindest regelm\u00e4ssig), die Infusionsl\u00f6sungen anders hei\u00dfen, als zu Hause und auch anders eingesetzt werden (wieder f\u00fcr Kollegen: Defizitausgleich bei Dehydratation mit 1\/3-isotoner L\u00f6sung\u2026), da ger\u00e4t man schnell ins Schwitzen.<\/p>\n<div id=\"attachment_273\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/arbeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-273\" src=\"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/arbeit-1024x682.jpg\" alt=\"\" title=\"arbeit\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"size-large wp-image-273\" srcset=\"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/arbeit-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.diefluethwerths.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/arbeit-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-273\" class=\"wp-caption-text\">Das ist paediatrische Schwerstarbeit...<\/p><\/div>\n<p>Manchmal regt sich leise Heimweh\u2026danke f\u00fcr die liebe Kommentare und Mails, so f\u00fchlen wir uns nicht ganz so weit weg\u2026 Sch\u00f6n w\u00e4re, wenn gerade ein paar Schwestern von zu Hause einfliegen k\u00f6nnten, denn bei aller Freundlichkeit, so ein bisschen Zunder k\u00f6nnten die Damen mal gebrauchen\u2026vielleicht k\u00f6nnte unser gesch\u00e4tzter Stationsleitungs-Stammtisch den n\u00e4chsten Ausflug hierher machen?Wir k\u00f6nnten Unterst\u00fctzung brauchen\u2026 Wie auch immer, unsere \u00c4rmel sind hochgekrempelt, heute Abend haben wir unsere Ambulanzzimmer entr\u00fcmpelt und geputzt, auf in den Kampf\u2026 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr eine Woche! 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