{"id":290,"date":"2011-06-07T04:46:46","date_gmt":"2011-06-07T04:46:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/?p=290"},"modified":"2011-06-07T04:46:46","modified_gmt":"2011-06-07T04:46:46","slug":"alles-wird-gut%e2%80%a6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diefluethwerths.de\/?p=290","title":{"rendered":"Alles wird gut\u2026"},"content":{"rendered":"<p>Wir sind gar nicht so bl\u00f6de, wie wir dachten! So langsam l\u00e4uft die Sache, wenngleich wir l\u00e4ngst wissen, wie schnell sich dieser Eindruck wieder wandeln kann\u2026<br \/>\nDie ersten unterern\u00e4hrten Kinder konnten wir heimschicken. An die H\u00e4ufchen Elend von vor 3 Wochen erinnerte inzwischen nichts mehr. Lachend, in jeder Hand ein dicker Lego-Bauklotz und in jeder Backe ein dickes St\u00fcck \u201ePlumpy nut\u201c, die Spezialnahrung f\u00fcr unterern\u00e4hrte Kinder (besser als Milchschnitte und Fruchtzwerg zusammen: 500 kcal\/P\u00e4ckchen, auf Basis von Erdn\u00fcssen, incl. Eisen, Fols\u00e4ure, Vitamine \u201evon A bis Zink\u201c, und, und, und\u2026von wegen \u201eso wertvoll wie ein kleines Steak\u201c, da steckt \u00b4ne ganze Kuh samt Weide drin!). Die Kinder finden es toll, essen es meist mit gro\u00dfem Appetit und strahlen von einem Ohr zum anderen\u2026mit den M\u00fcttern um die Wette. Wie es aussieht? Naja, letzte Woche musste ich furchtbar lachen, weil ein Kind in seinem Bett sa\u00df (Mama war mal kurz drau\u00dfen), sich vom Scheitel bis zu den F\u00fcssen mit der sch\u00f6nen braunen Paste eingeschmiert hatte\u2026die Schwester, die etwas dichter dranstand bemerkte dann, dass es sich m\u00f6glicherweise wirklich um Plumpy nut handelte\u2026allerdings NACH Magen-Darm-Passage\u2026 herrlich! Gott sei Dank kommen einige von denen jetzt weiter zur w\u00f6chentlichen Kontrolle, je nachdem, ob sie in unseren direkten Einzugsbereich geh\u00f6ren oder von einer anderen ambulanten Nachsorgestelle weiterbetreut werden. Wir freuen uns darauf, sie wiederzusehen!<br \/>\nBezahlt wird das Programm vom \u201eACF, action contre la faim\u201c (Aktion gegen den Hunger), nach klaren Regeln und Therapiepl\u00e4nen, die wirklich gut funktionieren. Eigentlich nichts weiter als simple Kochb\u00fccher, welche Ern\u00e4hrung zu welchem Zeitpunkt, wieviel pro Kilogramm Kind\u2026 Zur Begr\u00fc\u00dfung bekommt jedes Kind erstmal eine Wurmkur und eine antibiotische Therapie, quasi \u201eTabula rasa\u201c f\u00fcr einen gesunden Bauch, damit hinterher die guten Sachen schneller im Blut ankommen. Und was anfangs kompliziert klang macht inzwischen wirklich Spa\u00df. So haben wir jetzt die n\u00e4chste spannende Aufgabe: das Kind, das zus\u00e4tzlich zur Unterern\u00e4hrung eine schwere Blutarmut hat (Hb 4)\u2026wir haben uns schonmal mutig gegen eine Bluttransfusion entschieden, jetzt m\u00fcssen wir dem Kind auf andere Art und Weise wieder rosige Frische auf die Wangen zaubern\u2026k\u00f6nnte etwas dauern\u2026<br \/>\nIn der Ambulanz werden wir immer flotter, beim zwanzigsten dicken Abszess ist man halt nicht mehr so geschockt, wie beim ersten. Und doch gibt es t\u00e4glich F\u00e4lle, bei denen wir denken: in zehn Jahren Kinderheilkunde daheim sehen wir nicht halb so viele unglaubliche F\u00e4lle, wie hier in zwei Wochen. Und wir merken, dass die einfachen Therapien oft vollkommen ausreichen. Ein bisschen \u201ekleine Chirurgie\u201c durch unseren guten \u201eSir Raymond\u201c im \u201eemergency room\u201c, mit prima Wundversorgung, Abszessspaltung, desinfizierenden B\u00e4dern und Verb\u00e4nden, dazu noch eine Dosis Antibiotika, und nach wenigen Tagen ist die Infektion verheilt, und die Haut etwas sp\u00e4ter auch. Ob die Narben genauso sch\u00f6n werden wie zu Hause? Naja, nicht ganz, aber die Haut ist ganz, dem Patienten geht es gut und er geht auf zwei Beinen nach Hause.<br \/>\nAntibiotika werden schneller verordnet, als zu Hause\u2026na, welcher Doktor traut sich denn, das 15 Monate alte Kind mit Fieber seit 5 Tagen und Husten ohne Behandlung auf seinen 5-st\u00fcndigen Heimweg durch den Busch zu schicken? Da funktioniert die bew\u00e4hrte \u201eWenn es nicht besser wird, kommen Sie morgen nochmal wieder\u201c-Methode nicht\u2026 Und wenn die Geschichte doch mal zu banal f\u00fcr Antibiotika ist, gibt\u2019s halt \u201eLagundi\u201c, den traditionellen Hustensaft. Denn wie die M\u00fctter in Deutschland, die sich notfalls mit hom\u00f6opathischen Globuli zufrieden geben, m\u00f6chte man auch hier nicht mit leeren H\u00e4nden heimgehen. Und mancher \u201eGerman doctor\u201c hat wohl auch schon die gute Wirkung des Kr\u00e4uterextraktes getestet\u2026<br \/>\nDeutlicher schwerer f\u00e4llt uns der Umgang mit Medikamenten, die inzwischen l\u00e4ngst aus deutschen Lehrb\u00fcchern und (Kinder-)Arztkoffern verschwunden sind. So verordnen wir hier fast t\u00e4glich Chloramphenicol an alle Altersklassen, einmal sogar an ein schwer krankes Baby, und einmal mussten wir sogar einem 10-j\u00e4hrigen Jungen Ciprofloxacin geben\u2026das w\u00fcrde in Deutschland echt Probleme geben (kann Knorpelsch\u00e4digungen bei Kindern im Wachstum verursachen), aber resistente Bakterien machen halt auch vor \u00e4rmeren L\u00e4ndern nicht halt, und die Medikamentenauswahl ist nicht gro\u00df. Und die Sorge um die Patienten, die latente Angst, Entscheidungen zu sp\u00e4t zu treffen, l\u00e4sst uns schneller handeln, auch bei sichtbaren Risiken.<br \/>\nUnsere erste wirklich schwere Stunde hatten wir vor einer Woche\u2026nachdem wir sp\u00e4tabends von unserem freien Wochenende zur\u00fcckgekehrt waren, rief uns der diensthabende Arzt nachts zur Reanimation in die Notaufnahme. Leider waren all unsere Bem\u00fchungen erfolglos, und wir mussten lernen, dass heute noch Kinder an der Ruhr sterben\u2026 Der Kleine hatte zus\u00e4tzlich eine schwere Unterern\u00e4hrung, und das war wohl einfach zu viel\u2026 Wir wussten schon vor unserer Abreise, dass uns auch solche Geschichten begegnen w\u00fcrden, aber leidende M\u00fctter tun \u00fcberall auf der Welt gleich weh\u2026 Seither haben wir bei mehreren Patienten denselben Durchfallerreger nachweisen k\u00f6nnen und sind doppelt auf der Hut\u2026<br \/>\nMan k\u00f6nnte unendlich weiter schildern, was uns begegnet\u2026der 9-j\u00e4hrige Junge (!) mit der Darmeinst\u00fclpung, die vom rechten Unter- bis in den Oberbauch reichte\u2026und der uns v\u00f6llig verwirrte, weil er einfach nicht schrie, obwohl es furchtbar wehtun musste\u2026 viele Kinder hier haben nie gelernt, dass Schreien hilft, also lassen sie es einfach bleiben. Der 6-j\u00e4hrige Junge mit dem Verdacht auf einen schweren Herzfehler, der heute aufgefallen ist\u2026 von einer Gemeindeschwester geschickt, weil er im Rahmen eines Durchfalls (!?!) blaue Lippen habe\u2026ein Blick auf die verdickten Finger- und Zehenenden machte sofort die Schwere der Erkrankung klar, der Sauerstoffgehalt im Blut war\u2026sehr niedrig&#8230;und der Kleine lacht und spielt (Hb 25, Hkt 73%)!<br \/>\nSowieso sind die meisten Kinder fast gruselig brav. Carl hat es sehr treffend als \u201eSchreckstarre\u201c bezeichnet. Sobald man die blassen, blonden Riesen sieht, bleibt der Mund offen stehen und man muss nur noch schnell genug nach der Lampe greifen um reinzuleuchten\u2026 Wir sind auch gern gesehene G\u00e4ste in jedem Supermarkt! Ganze Scharen von Verk\u00e4ufern umringen uns, lauern uns auch gerne mehrfach hinter verschiedenen Regalen auf f\u00fcr viele freundliche \u201eGood afternoon Ma\u2019m, good afternoon sir!\u201c. Leider entwickelt sich die Effizienz unserer Eink\u00e4ufe umgekehrt proportional zur Dichte der Verk\u00e4ufer. Da wird man auch gerne von 5 gleichzeitig beraten, z.B. beim Kauf eines Spannbettlakens. Das richtige (g\u00fcnstig und trotzdem Baumwolle) muss einem beim Verlassen der Abteilung dann doch selber ins Auge fallen\u2026 Und st\u00e4ndig rufen einem fremde Leute zu, wie unglaublich h\u00fcbsch man ist\u2026 gestern wollte eine Dame unbedingt wissen, ob ich einen Bruder habe, sie wolle ihn n\u00e4mlich gerne heiraten (Kai, ich geb\u2018 Dir die Adresse, Du kannst direkt in ihren florierenden Kiosk am Stra\u00dfenrand einsteigen!). Und alle pubertierenden M\u00e4dchen flippen aus, wenn Marc sie einmal freundlich anl\u00e4chelt\u2026 Szenen wie bei einer Autogrammstunde von Justin Bieber\u2026<br \/>\nAuch sonst l\u00e4uft die Integration recht gut. Nachdem Marc die liebevoll gestaltete Geburtstagskarte der Schwestern bekommen hatte (ihm wurden darin ungef\u00e4hr zwanzig  Babys f\u00fcr die Zukunft gew\u00fcnscht, freiwillige Geb\u00e4rende d\u00fcrfen sich gerne melden, ich w\u00fcrde fr\u00fcher aus dem Gesch\u00e4ft aussteigen\u2026), gab es abends die geb\u00fchrende Party auf dem \u201efamily day\u201c in \u201eJones\u2018 beach Resort\u201c in Davao. Aufgrund des anstrengenden Nachtdienstes kamen wir nach Mittagsschlaf erst abends dort an, wurden gegen 18 Uhr von dr\u00f6hnenden B\u00e4ssen aus der \u00fcberdimensionalen Musikanlage empfangen. Wir bezogen eins der zwei Doppelzimmer (alles andere sind Massenunterk\u00fcnfte), das seine 20 Euro\u2026wert\u2026war\u2026wir hatten ein gro\u00dfartiges\u2026Duschklo\u2026 Dann machten wir schnell das einzig richtige, um die Chancen auf einen guten Abend unter den gegebenen Umst\u00e4nden zu erh\u00f6hen\u2026und eineinhalb Stunden sowie 2 Liter \u201eSan Miguel\u201c (\u201eThe only beer that nourishes true filippino friendships!\u201c) sp\u00e4ter waren wir voll im Spiel! Die Liveband (die inzwischen dankbarerweise aufgetaucht und wirklich gut war) war sehr an \u201etrue german friendship\u201c interessiert, und so gab es nach jedem Lied einen \u201eHappy birthday to doktor Marc Fluuutm\u00e4\u00e4n and also to doctora K\u00e4\u00e4trin W\u00f6rsss!!!\u201c. Das ganze gipfelte in drei Ehrent\u00e4nzen und meiner eher unfreiwilligen, jedoch vielfach zitierten Einlage als Rockr\u00f6hre mit \u201eZombie\u201c\u2026 Das letzte, was mich an dem Abend noch besch\u00e4ftigte, war die Frage, warum der Schlagzeuger ein T-Shirt mit einem Hakenkreuz trug\u2026 ob er das f\u00fcr uns tat? Das Resort war ansonsten wirklich ein netter Platz f\u00fcr den \u201efamily day\u201c. Zahlreiche Mitarbeiter der Klinik waren dort, viele hatten Partner und Kinder mitgebracht, es wurde gemeinsam gekocht, im Pool und am Strand geplanscht, Tischtennis gespielt und \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 Karaoke gesungen. Bis nachts um 3 (da waren wir seit Stunden im Bett, Ohrenst\u00f6psel sind was Tolles!) und morgens wieder ab 6.30 Uhr\u2026 Allm\u00e4hlich f\u00fchlen wir uns heimisch\u2026war vielleicht doch `ne gute Idee, diese Geschichte hier\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind gar nicht so bl\u00f6de, wie wir dachten! 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