Buenos Aires…

…das Hotelzimmer zum Innenhof, die Flügeltüren weit geöffnet, der Ventilator dreht seine Runden, es ist furchtbar schwül, der Tag war unerträglich heiß… und dann bricht der Regen los,  tropft auf das Vordach, es blitzt und donnert, und wir sitzen auf dem Bett und schauen den Tropfen beim Fallen zu… Alles was zur perfekt-melancholischen Buenos Aires-Stimmung fehlt, sind ein Tangogitarrist und ein paar qualmende Zigaretten.

Zwei Tage wollten wir in Buenos Aires bleiben, um dann nochmal für 5 Tage „irgendwohin“ zu fahren und erst zum Abschluss nochmal für eine Woche hierherzukommen. Nach der ersten Nacht in unserem neuen Hotel war schnell klar, dass wir keinen Schritt weitergehen würden. Das „Tango & Bandoneon“ ist ein altes Stadthaus, wunderbar renoviert mit etwa 4 Meter hohen Zimmerdecken, neu renovierten Badezimmern, jedes Zimmer in einer eigenen Farbe, einer kleinen Küche auf jeder der drei Etagen, einem Innenhof, der sich durch alle Etagen zieht und damit das Tageslicht bis in die letzte Ecke trägt. Ein besonderes Juwel ist die Besitzerin Natalia. Sie stürmt jeden Morgen gegen 9 Uhr durch die Eingangstür herein, begrüßt alle Frühstücker und fängt gleich an, den Laden aufzuräumen. Es werden sämtliche Wünsche der Gäste bearbeitet, Empfehlungen für Aktivitäten, Restaurants, Ausflüge, sie führt Telefonate, reserviert Karten, erklärt die besten Wege. Eine herzlichere Gastgeberin ist uns nirgends auf der Welt begegnet (naja, vielleicht noch die Dame damals in Irland mit dem Esel…).

Dieser Ort machte es uns denkbar leicht, unserer Reisemüdigkeit nachzugeben. Wir hatten keine Lust schon wieder alles einzupacken, am nächsten Tag auszupacken, Hotelsuche, Busfahrten, und, und, und.

Also blieben wir, richteten uns häuslich ein, suchten den nächsten Supermarkt und – KOCHTEN – zum ersten Mal seit März selber. Was wir kochten? Na was möchte man essen, wenn man 7 Monate in Restaurants gegessen hat? Kartoffeln mit Butter und Salz, Spaghetti mit frisch geriebenem Parmesan, Spiegeleier auf Brot. Die banalsten Dinge der Welt, und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie gut es geschmeckt hat…

Nicht zu reisen entpuppt sich als erstaunlich großer Luxus, schließlich sind wir doch auf WELTREISE, da muss man doch jeden Tag Abenteuer erleben!!! Eins der großen Abenteuer der letzten Woche war ein Tag auf der kleinen Dachterrasse des Hotels, nur wir zwei, ein paar Klappstühle und unsere Bücher, im Schatten unter strahlend blauem Himmel. Wir sind entspannt wie lange nicht, und fühlen uns allmählich wie echte „Portenjos“, also Einwohner von Buenos Aires.

Natürlich sind wir aber nicht jeden Tag untätig. Gleich am ersten Tag waren wir im „Riverplate“- Stadion, haben Fußball geschaut, Länderspiel Argentinien-Bolivien, WM-Qualifikation.

Da waren sie noch Freunde...

Leider war der Laden halbleer, am Freitagnachmittag waren wohl viele noch bei der Arbeit. Dennoch war die Stimmung gut, und wir hatten viel Spaß. Wusstet Ihr, dass in Südamerika die Schiedsrichter in Halbzeitpause und nach dem Spiel unter Polizeischutz vom und zurück auf den Platz gebracht werden? Naja, zumindest bei diesem Spiel war das sicher vernünftig, wurde doch zweimal abgepfiffen, jeweils eine Sekunde bevor der Ball im bolivianischen Tor lag… Da war die Polizei sicherlich nützlich, in der Halbzeitpause, konnte aber den…“Rasenpfleger“ (?) auch nicht davon abhalten, die große Sprenkleranlage erst einzuschalten, als die Schieris mitten auf dem Feld standen… Ich glaube, die Herren mussten selber etwas lachen…

Zwei Tage später haben wir dann einen etwas längeren Ausflug aus Buenos Aires heraus gemacht. In San Antonio de Areco, einem kleinen Ort ca. 2 Busstunden entfernt, war nämlich „día de la tradition“, also „Tag der Tradition“, und da sind die Gauchos los… das sind so etwas wie die argentinische Variante des Cowboys, mit Sporen, Hut und Lederstiefeln, begleitet von Mädels in Kleidern die direkt aus „Unsere kleine Farm“ entsprungen zu sein scheinen.

Die Pferde sind los

Es gab einen Umzug mit weit über tausend (!) Gauchos auf ihren wunderschönen Pferden, einige trieben dabei die Herden ihrer Zucht vor sich her durch die Straßen der Stadt. Ein rundlicher älterer Herr mit Mikrophon kündigte jede herannahende Familie an, und erwähnte wiederholt, dass das ALLES seine GANZ SPEZIELLEN Freunde seien… Aber es war echt süß, wie da z.T. vielleicht 4-jährige Jungs auf Ponys heranzuckelten, oder 8-jährige stolz das Pferd lenkten, während ihre deutlich ältere Schwester mit verkniffen-beleidigter Miene dahinter sitzen musste… Tja, so ist das mit der Tradition. Am Nachmittag traf sich dann alles auf den nahegelegenen Wiesen, wo die Männer zeigen mussten, was sie können…beim Rodeo.

Wehr Dich, Hüssi!

Was uns nicht gefallen hat, war, wie die Pferde behandelt wurden, wie man sie  wie verrückt gepeitscht hat, damit sie sich möglichst wild gebärden. Da war es nicht mehr als fair, dass die Tiere sich manches Mal erfolgreich gegen diese Misshandlung gewehrt haben, und mehr als ein Held mit der Ambulanz vom Platz gefahren wurde. Was sagt mein Papa immer? „Wer sich in Gefahr begibt…“.

Um die Gauchostimmung perfekt zu machen, wurde auf dem umgebenden Terrain für ordentlich Rauch gesorgt, von den riesigen Grillstellen nach argentinischer Art. Dabei wird einfach ein etwas 5×3 Meter großes Wiesenstück mit Holzkohle abgedeckt, und fröhlich angezündet. Daneben wird ein zweiter Holzkohlehaufen in Brand gesteckt, welcher später als Quelle für stetigen Nachschub an glühenden Kohlen genutzt wird. Ja, und dann nimmt man viele dicke Würste und spießt sie auf lange Metallstäbe, legt ein halbes Rind in Einzelteilen daneben und weil es so hübsch ist, spannt man noch ein ganzes Ferkel am Bauch aufgeklappt auf lange Äste und stellt es schräg über das Feuer… Ganz ehrlich, ich dachte immer, meine Familie wüsste, was professionelles Grillen ist, aber neben den Verrückten hier wirkt unser Geschäft wie… Kindergeburtstag…    

Ein weiterer Ausflug brachte uns einen weiteren Stempel im Reisepass ein, so schipperten wir nämlich für einen Tag über den Rio de la Plata nach Uruguay („Ich denke oft an Uruguay, an dieses schöne Land…“), nach Colonia del Sacramento. Hier fanden wir das bisher schönste Kolonialstädtchen, mit einer lustigen Mischung aus traditionell portugiesischer und spanischer Architektur. Gehört seit einigen Jahren zum Weltkulturerbe, und das verstehen wir gut, haben bei einer Stadtführung ein wenig über die Geschichte dort gelernt (Danke, Sofia!), ein Stündchen im Schatten der Bäume auf einem zentralen Platz gelesen, ein Bierchen mit Blick auf den ozeanartigen Fluss genossen… sehr schön war’s.

Ganz klar, links portugiesisch, rechts spanisch...

 Die Rückfahrt wurde durch ausgeprägten Seegang etwas erschwert, und wir waren selten so froh, unsere Füße auf festen Boden stellen zu dürfen, wie nach Ankunft im Hafen von Buenos Aires…

Buenos Aires hat darüber hinaus längst unser Herz erobert. Ob es die ausgedehnten Stadtbummel durch das „alte“ Palermo mit den unzähligen winzigen Lädchen, Designerboutiquen und Buchhandlungen war, oder der Sonntag auf dem traditionsreichen Markt von San Telmo (unser klarer Favorit!) mit Tangotänzern auf der Straße, die zeigen, wie es eigentlich aussehen sollte…

rassig...

 Auf den Märkten haben wir ein paar ganz hübsche Andenken und Geschenke erstanden…

Der Reichen-Friedhof in Recoleta, wo die unglaublichen Grabmäler und Mausoleen der großen Familien der Stadtgeschichte zu bewundern sind. Sehr anders, als wir es von zu Hause gewöhnt sind, bei z.T. herausgeschlagenen Glasscheiben durch die man die freistehenden Särge im Inneren problemlos berühren könnte.

Der Friedhof der schönen, reichen und mächtigen

Der Friedhof der Schönen, Reichen und Mächtigen

Und vor dem Grab der immer noch in den Herzen der Argentinier lebenden Eva „Evita“ Peron steht man Schlange und Lauscht heimlich bei den nachfolgenden Führungen und hört mit Schrecken, was kranke Köpfe noch lange nach ihrem Tod mit ihr angestellt haben…igitt…

Dann wieder die große Fußgängerzone und verschiedene z.T. historische Einkaufszentren, die einen sich fragen lassen, ob man nicht längst wieder irgendwo in Europa ist. Aber diese unglaubliche Buchhandlung in einem alten Theater gibt es sonst glaub ich nirgends auf der Welt…Probelesen in den alten Logen, das war herrlich!

Unten rechts sitzt Marc!

Erstmals auf unserer Reise ist die „Starbuck’s-Dichte“ wieder ähnlich wie daheim… Die ausgedehnte Fahrradtour durch den alten Hafen und das angrenzende Naturschutzgebiet.

Mit Schwung durch Buenos Aires...

Die tollen Eisdielen, die hier an jeder zweiten Straßenecke zu finden sind, und die urigen „Bodegones“ in denen es immer etwas schummerig ist und man sein wagenradgroßes, saftig-zartes Steak in Gesellschaft von allerlei kuriosen Gestalten genießen darf. Gleich noch ein zweites Mal zog es uns ins „Paulín“, ein verstecktes kleines „Bodegon“ in einer Seitenstraße des Zentrums. Hier wirbeln etwa 12 Männer in grünen Hemden hinter einem langgezogenen Tresen herum und servieren Sandwiches mit verschiedenen Brotsorten, Belägen, alles frisch im flammenwerfenden Ofen gebacken. Und damit es schneller geht, werden die fertigen Teller nicht gereicht, sondern sie lassen sie mit Schwung über die meterlangen Tresen gleiten.

Und gleich kommt der nächste Teller angesaust...

Freundlich mitleidig hat man uns gleich beim ersten Besuch geraten nur ein Sandwich zu bestellen und dieses zu teilen. Guter Rat, waren wir doch hiernach schon völlig geschafft… Aber die Kombination von Bratenscheiben mit Gruyère-Käse und Tomaten sowie frischer Criolla-Soße (hauptsächlich aus frischen Zwiebeln, Paprika und Öl) hat uns gezwungen wiederzukommen…Und man erkannte uns bereits wieder, verirren sich wohl nicht so viele Touristen hierher, also gab es beim zweiten Mal schon zwei Probestückchen von anderen Sandwiches sowie einen Kaffee zum Nachtisch aufs Haus… sehr nett…

Ebenfalls sehr empfehlenswert war die Weinprobe bei „Lo de Joaquin Alberti“, einem Weinladen in Alt-Palermo. Da saßen wir mit einer netten Mischung aus US-Amerikanern, Briten, Dänen und Argentiniern zusammen und haben die Werke eines der uns bisher unbekannten Weingüter Mendozas getestet. Und zum Abschluss gab es eine große Käse-Schinkenplatte, sehr gut. Immer donnerstags, nur nach Voranmeldung…  

Ja, und dann waren wir noch zu einem Essen hinter einer „Puerta cerrada“, also einer geschlossenen Tür. Das sind quasi Einladungen zur Dinnerparty im privaten Rahmen bei fremden Leuten. Mit 8 weiteren Gästen, alles US-Amerikaner, waren wir bei Dan und Henry und haben 5 Gänge mit passenden argentinischen Weinen genossen…nett war es, ein wenig, wie Abendessen bei Freunden. Für die Einladung hierzu danken wir Anke und Christian ganz herzlich…

Ein weiteres Hochzeitsgeschenk hat übrigens endlich wirken dürfen… Julia, Nina, Arno und Daniel hatten uns Tangostunden in Buenos Aires geschenkt… So begaben wir uns hier für einige Nachmittage in die Hände von Romina und wurden in ihrem privaten kleinen Tanzsaal bei ihr zu Hause in den Zauber dieses Tanzes eingeführt… Wir haben viel gelacht, an unserer krummen Haltung gearbeitet, Marc hat rasch gelernt, die Führung zu übernehmen (der alte Macho…), und wir können sogar schon erste schicke Figuren… Und dabei natürlich immer sehnsuchtsvoll den Mann anschmachten…OHNE ZU LACHEN!!! Hat Spaß gemacht, auch wenn wir Romina wohl in den Wahnsinn getrieben haben mit permanentem Gelächter… Leider haben wir es dann aber doch nicht mehr wie geplant in eine Milonga, also eine Tangobar geschafft…schade, aber beim nächsten Mal klappt es bestimmt…

Das öffentliche Verkehrsnetz ist – wie in wohl jeder anderen Großstadt der Welt auch – praktisch, aber auch Grund zu ständiger Vorsicht. Entweder versuchen die Busfahrer einen als Fußgänger plattzufahren (wir vermuten, dass es für Touristen doppelte Punkte gibt…), oder man hat in der U-Bahn freundliche Herren, die versuchen ihre Hände in fremden Hosentaschen zu…wärmen… Einmal habe ich eine fremde Hand aus meiner Tasche ziehen müssen, der Herr musste dann überraschend an der nächsten Haltestelle raus, und heute hat einer im Laufen zur Verbindungsbahn außen an meiner Tasche rumgefummelt und einen Schlag auf die Finger kassiert… Wir sind inzwischen große Fans unserer „Pacsafe“-Diebstahlschutztaschen, da wird jeder Reißverschluss mittels eines Karabiners gesichert, und Stoff und Riemen sind innen mit Metallnetzen und –schnüren verstärkt, gegen eventuelles Aufschneiden. Würde nichts helfen, wenn einer mit einem Messer in der Hand die ganze Tasche verlangen würde, aber die bösen Buben können sich wenigstens nicht heimlich bedienen… Die einzige ärgerliche Episode ereignete sich indes an unserem ersten Tag, direkt nach Ankunft am Busbahnhof. Ohne dass wir es bemerkt hätten, spritzte uns jemand größere Mengen einer furchtbar nach Essig stinkenden schwarzen Soße auf unsere großen Rucksäcke und Hosen (von hinten, während wir sie trugen). Da wir von Diebstahltaktiken gehört hatten, bei denen man irgendwie beschmutzt oder angespuckt wird, und dann ein freundlicher Helfer beim Herumwischen auf der Kleidung nebenbei sämtliche Taschen leert, suchten wir uns rasch ein Plätzchen an einer Bushaltestelle mit ausreichend anderen Menschen und wischten uns gegenseitig sauber (goldene Regel auf Reisen: Geh niemals ohne Feuchttücher aus dem Haus…übt prima für spätere Kinderzeiten, glaub ich…). Dort musterten uns die Leute zunächst etwas kritisch, und wiesen uns dann freundlich darauf hin, dass wir „markiert“ seien, und man versuchen würde uns auszurauben. Also hopphopp in den nächsten Bus, direkt vor der Hosteltür ausgestiegen und ab unter die Dusche…incl. Rucksack…

So können wir also bisher für das „gefährliche“ Südamerika die erfreuliche Bilanz ziehen: Wir haben Abenteuer erlebt, gute und (wenige) eher mittelmäßige, aber niemand hat uns auch nur eine Mark geklaut, uns gehauen, entführt oder schlimmeres. Vorsichtig waren wir halt, das sind wir aber auch in Berlin, München oder Hamburg…und manchmal sogar in Aschaffenburg oder Aurich… Wir sind unzähligen freundlichen Leuten begegnet, die sich trotz des hohen Touristenaufkommens interessiert gezeigt haben, und stets hilfsbereit und verständnisvoll waren.

Heute ist unser letzter Tag auf dieser Etappe, da gönnen wir uns nochmal was leckeres…auf Einladung der Familie Sebb aus Rostock… werden natürlich noch berichten. Morgen geht es dann auf zum letzten Ziel dieser unglaublichen Reise: KUBA! Salsa, Tauchen, Cuba libre…wir sind schon ganz gespannt… Noch wissen wir nicht, was wir von der dortigen Internetversorgung erwarten dürfen…ist wohl nur für Touristen zugänglich und wahrscheinlich nicht so eng gestrickt, das Netz… Werden aber sehen, was sich machen lässt, damit Ihr auch von den letzten drei Wochen noch etwas zu lesen bekommt. Und allmählich könnt Ihr Euch bereitmachen… Wir sind bald wieder zu Hause… Jan, fang langsam an zu packen!! 😉

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